Neben den althergebrachten Sirenen werden immer neue Wege gesucht, wie man im Falle einer großen Schadenslage die Bevölkerung vor den Gefahren warnen kann. Die modernen Kommunikationsmittel bieten hier eine große Bandbreite an, welche auch durch Feuerwehren und Katastrophenschutzbehörden nutzbar sind. In meinem Artikel zur Nutzung sozialer Medien im Bereich der Feuerwehren habe ich bereits einen Teilbereich beleuchtet.

Heute möchte ich mich jedoch mit der speziellen Möglichkeit der Warnung per mobiler Smartphone-App befassen. Welche Vor- und Nachteile bieten diese Systeme und wie können diese eingesetzt werden? Und warum gibt es überhaupt mehrere Apps?

Vorteile bzw. Mehrwert der Warnung 2.0 gegenüber der klassischen Sirene

Es stellt sich natürlich die Frage, warum sollte man die Warnung der Bevölkerung eigentlich durch eine Smartphone-App durchführen? Nun, in Zeiten der modernen Kommunikation, verfügen mittlerweile ca. 41,1 Millionen Deutsche über ein Smartphone (Quelle: Statista.com, Stand 2014). Dies ist ein Anteil an der Gesamtbevölkerung von ca. 50%. Das erscheint auf den ersten Blick nicht unbedingt flächendeckend. Rechnet man jedoch Kinder heraus und berücksichtigt man, dass in der Regel nur ein Nutzer je Familie ausreicht, kann man davon ausgehen, dass man einen recht hohen Anteil der Bevölkerung erreichen kann. Ich persönlich würde hier grob 75% annehmen. Auch das ist natürlich kein Anteil, auf dem man seine komplette Strategie aufbauen kann. Daher ist der Ansatz der Smartphone-Warnung auch nicht als Ersatz für die klassische Warnung mit der Sirene zu sehen, vielmehr wird eine Alternative geschaffen, mit der zusätzliche Menschen erreicht werden können. Apropos Sirene. Aktuell ist es mit dem Sirenennetz der meisten Städte und Kreise ebenfalls nicht möglich, den Großteil der Bevölkerung zu erreichen. Mancherorts gibt es gar keine Sirenen mehr, in anderen Kommunen und Städten sind nur noch einzelne Sirenen, primär für die Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr, verblieben. Grade fangen einige Körperschaften wieder an, das abgebaute oder noch in Teilen bestehende Sirenennetz wieder auszubauen. Nehmen wir z.B. die Stadt Aachen als Referenz. Hier steht noch ein guter Teil der ehemaligen Sirenen des Bundes. Insgesamt gibt es aktuell 43 Sirenen. Mit diesen ist es jedoch nicht möglich, die Bevölkerung flächendeckend zu erreichen. Gerade mal 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung können mit dieser Abdeckung erreicht werden. In allen weiteren Bereichen ist man auf Lautsprecherfahrzeuge angewiesen. Vergleicht man diese Zahl mit dem Anteil der Smartphone-Nutzer und bedenkt dabei, dass Aachen vergleichsweise gut mit Sirenen abgedeckt ist, so relativiert sich der Nutzen einer mobilen Warnung per App recht schnell.

Nun mag der ein oder andere einwenden, dass das Sirenennetz aktuell wieder ausgebaut wird. In Zeiten klammer Kassen sollte man jedoch berücksichtigen, dass die Inbetriebnahme eines Sirenenstandortes inklusive aller Nebenkosten wie Montage, Ertüchtigung der Infrastruktur und Material mit ca. 25.000 € zu Buche schlägt. Wohlgemerkt, hier ist von einem einzigen Standort die Rede. Vergleicht man hingegen die Kosten für die Einrichtung einer mobilen Warn-App, so bewegt man sich im Bereich zwischen 10.000 und 20.000 €. Der Kosten-Nutzen-Faktor ist somit erheblich besser als bei der klassischen Sirenenwarnung.

An dieser Stelle möchte ich klar stellen, dass ich keinesfalls die Sirene an sich schlecht reden will. Jedoch wird diese m.E. vielerorts als „Allheilmittel“ betrachtet, so dass andere Möglichkeiten und Wege keine Berücksichtigung mehr finden. Hier sehe ich es jedoch als Pflicht der jeweiligen Katastrophenschutzbehörde an, alle verfügbaren Mittel auszuschöpfen, um dem Bürger die, im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten, beste Versorgung zu bieten. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Nutzung sozialer Medien, welche z.B. vollkommen kostenfrei einzurichten sind. An dieser Stelle nochmals der Hinweis auf meinen Beitrag zu diesem Thema.

Akzeptanz bei den Leitstellen oder „Welche App soll ich nutzen?“

Eine wesentliche Voraussetzung, damit eine Warnung der Bevölkerung überhaupt per Smartphone-App nutzbar ist, ist die Einrichtung der zugehörigen Hard- und Software in der jeweils zuständigen Leitstelle. Nur wenn die Leitstelle, die für meinen Wohnort zuständig ist, diese Hard- und Software installiert, kann die jeweilige App mich überhaupt warnen. Hier stoßen wir auf ein erstes Problem, jede App benötigt in der Regel eine eigene Schnittstelle zur Leitstellentechnik, damit die Warnungen überhaupt übertragen und zum Nutzer bzw. zum Bürger transportiert werden können. Somit liegt es primär in der Hand der Leitstelle bzw. dem jeweiligen Träger der Leitstelle, diesen Kommunikationsweg nutzbar zu machen.

Den Verantwortlichen der Leitstellen wird die Entscheidung jedoch auch nicht leicht gemacht. So gibt es bereits seit einiger Zeit das System KATWARN, welches durch das Fraunhofer Institut in Zusammenarbeit mit dem Verband öffentlicher Versicherer und dem Unternehmen Kombi-Risk Management entwickelt wurde. Auf der anderen Seite hat das BBK aktuell eine App in der Entwicklung, welche demnächst veröffentlicht werden soll. Somit stellt sich die Frage, welches System man jeweils am eigenen Standort einsetzen will.

KATWARN – Die alte Bekannte

Wer sich bereits mit dieser Thematik befasst hat, der ist irgendwann auf die App „KATWARN“ gestoßen. Diese App gibt es bereits seit 2009 und hatte Anfangs mit erheblichen Startproblemen zu kämpfen. So zehrte die wesentliche Funktion, die standortabhängige Warnung des Nutzers, durch die dauerhafte Nutzung der Ortungsdienste des Smartphones erheblich an der Akkuleistung. Mittlerweile ist man hier wesentlich besser aufgestellt, in dem man diese, jetzt „Schutzengel“ genannte Funktion, bedarfsabhängig zu- und abschalten kann.

Die Schutzengel-Funktion ermöglicht dies standortbasierte Warnung des Nutzers.

Für den „normalen“ Betrieb lassen sich bis zu sieben vordefinierte Standorte per Postleitzahl eingeben, so dass die Warnung entsprechend über Push-Mitteilungen den Nutzer erreicht. Und wenn man dann doch mal unterwegs ist und sich auch hier die Warnungen für den jeweiligen Ort anzeigen lassen will, dann kann man in diesem Fall die Ortungsfunktion zuschalten und für diesen Zeitraum nutzen. Alternativ ist es aber auch hier möglich, den jeweiligen Aufenthaltsort über die Postleitzahl der eigenen Liste hinzuzufügen. Dies setzt dann natürlich voraus, dass man die maximale Anzahl an vordefinierten Orten noch nicht überschritten hat.

Einstellungsseite der KATWARN-App mit den definierten Standorten und der Auswahlmöglichkeit „Schutzengel“

Als zusätzliches Feature kann man auch einen Testalarm initiieren und bekommt auf diese Weise angezeigt, wie sich die App im Falle einer Warnung verhält.

In diesem Beispiel habe ich eine Testwarnung für Aachen ausgelöst.

KATWARN wird mittlerweile in einigen Landkreisen und Städten genutzt und findet seit neuestem im Land Rheinland-Pfalz Anwendung. Hier hat es ein Bundesland geschafft, einen einheitlichen Weg zu gehen und die Voraussetzungen für eine gesamtheimliche Warnung zu schaffen. Hier findet Ihr eine Liste der Kreise und Städte, welche KATWARN bereits im Einsatz haben sowie weitere Infos zu KATWARN. Die App ist aktuell für iOS, Android und Windows-Phone erhältlich.

Die BBK-APP

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat sich nun vor einiger Zeit ebenfalls zu diesem Thema Gedanken gemacht und die Entwicklung einer eigenen App gestartet. Diese sollte eigentlich bereits 2014 veröffentlicht werden, jedoch ist die App bislang noch nicht erschienen. Bekannt ist lediglich, dass die neue App über das System „MoWaS“ (Modulares Warnsystem) angesteuert werden soll und neben der Funktion der eigentlichen Warnung zusätzlich eine SOS-Funktion, eine Info-Funktion mit Notfalltips sowie eine Infoseite zum BBK hat. Die SOS-Funktion soll z.B. eine Anwahl des Notrufes und zusätzlich die Kontaktaufnahme mit der Familie ermöglichen. Mir stellt sich hier die Frage, ob dies der richtige Ansatz ist. Die meisten Nutzer von Smartphones haben die Familie schneller über die Kontakte aufgerufen als dies über den Umweg der App möglich ist. Gleiches gilt im Übrigen für den Notruf. Es bleibt abzuwarten, wie diese Funktionen im Einzelnen gestaltet sein werden.

Musteransichten der BBK-App. Diese soll demnächst veröffentlicht werden.

Viel wichtiger ist an dieser Stelle jedoch die Frage nach der grundsätzlichen Gestaltung der App. Man kann nur hoffen, dass man aus den Erfahrungen anderer Anbieter gelernt hat und eine dauerhaft aktivierte Ortungsfunktion für den Betrieb der App nicht braucht. Letztlich wird nämlich der Nutzer die Entscheidung über die Nutzbarkeit und Akzeptanz der App treffen. Im schnelllebigen Geschäft der mobilen Applikationen ist man somit schnell „unten durch“ und es würde einen erheblichen Mehraufwand bedeuten, wenn man einen Fehlstart erst kompensieren muss. Hierbei spielt unter anderem auch das optische Interface eine Rolle, da die breite Masse nicht nur Effektivität sondern zu erheblichen Teilen die Optik der App als Nutzungsgrund betrachtet. Auf dieser Seite gibt es alle aktuellen Informationen zur BBK-App, welche für iOS und Android erscheinen soll. Ich hoffe, dass nach dem aktuell laufenden Testbetrieb in Düsseldorf und Gütersloh noch im ersten Halbjahr 2015 mit einer umfassenden Inbetriebnahme der App zu rechnen ist.

Warum werden verschiedene Wege bestritten?

Abschließend möchte ich auf ein wesentliches Problem eingehen, welches sich für mich als Folge mangelnder Kommunikation darstellt. Wie in den vorherigen Abschnitten bereits erwähnt, gibt es KATWARN bereits seit 2009. Nun wird das BBK eine weitere App auf den Markt bringen, welche die gleiche Intention hat und auch die gleiche Zielgruppe anspricht. Aus eigener Erfahrung im Umgang mit dem Smartphone kann ich sagen, dass man in der Regel für eine Funktion langfristig auch nur eine App auf dem Gerät behält. Nach einer ersten Testphase wird man sich schon aus rein praktischen Gründen, z.B. der Reduzierung der Datenmenge auf dem Smartphone, für eine App entscheiden. Die Entscheidung hierzu fällt in der Regel anhand der Funktionen und vor allem anhand der Bedienbarkeit und Optik der Benutzeroberfläche. Für welche App man sich letztlich entscheidet, ist eigentlich auch zweitrangig. Man kann nämlich sicher sein, dass egal, wo man sich aufhält, in der Regel nur eine App funktionieren wird. Es ist nämlich illusorisch anzunehmen, dass sich ein Kreis oder eine Stadt dazu entscheiden wird, doppelte Kosten für die Einrichtung zweier Systeme mit der selben Aufgabe auf sich zu nehmen. Hat somit eine Leitstelle bereits die Hardware für KATWARN installiert, so muss man davon ausgehen, dass die BBK-App an diesem Standort nicht warnen wird.

Somit muss die Frage erlaubt sein, warum man sich seitens des BBK nicht mit den Betreibern von KATWARN an einen Tisch gesetzt hat und sich für die gemeinsame Fortführung des Projekts entschieden hat. Nur auf diese Weise und durch eine gemeinsame Strategie wäre es möglich gewesen, ein deutschlandweites System einzuführen. Verbunden mit der finanziellen Unterstützung der Handlungsebene im kommunalen Bereich hätte man eine wesentliche Erweiterung der Empfänger für den Fall der Warnung erreichen können. Am Beispiel von Rheinland-Pfalz lässt sich jedoch bereits jetzt erkennen, dass der Zug anscheinend abgefahren ist. Wenn sich bereits ein gesamtes Bundesland für die Förderung und Einrichtung eines Systems entscheidet, welches eben nicht das bundeseigene System ist, dann schwinden wohl die Aussichten, dass dort die BBK-App weitere Unterstützung auf politischer Ebene und vor allem im finanziell en Bereich erhält. Leider sind dies die Nachteile unseres föderalen Systems, jedoch hätte man hier im Sinne des Bürgers mit einer etwas besseren Kommunikation zwischen Ländern und Bund sicher mit relativ geringem Aufwand eine gute Lösung finden können.

Fazit

Wenn ich diesen Artikel nochmals rekapituliere, dann kann man feststellen, dass bereits einige Schritte getan wurden, um auch der technischen Weiterentwicklung Rechnung zu tragen und alternative Wege angegangen werden. Wir sind jedoch noch weit von einem landesweiten System wie dem der Niederländer (NL-Alert auf Basis von Cell-Brodcasting) entfernt.

Habt Ihr eigene Gedanken zu diesem Thema oder vertretet eventuell eine andere Meinung, dann teilt dies gerne in den Kommentaren mit. Wohnt Ihr eventuell in einem Ort, in dem KATWARN bereits in Betrieb ist, dann teilt auch gerne eure Erfahrungen in den Kommentaren!

Update 18.03.15:

Das BBK hat auf meinen Beitrag reagiert und mitgeteilt, dass die neue App keine dauerhafte Standortabfrage benötigt. Somit ist die Problematik mit einer schnell sinkenden Akkuleistung wohl eher nicht zu erwarten.

Update 05.05.2015:

Die App hat nun einen Namen! Die App wird NINA (Notfall-Informations- und Nachrichten-App) heißen. Hier geht´s zum Presseartikel und zur Erläuterung der Namensfindung.

Update 23.06.2016:

Die App NINA ist mittlerweile in der zweiten Version erschienen. In dieser Version ist es nun endlich möglich, eigene Orte vorab zu bestimmen, so dass man nicht mehr ungefragt die Warnmeldungen aus dem gesamten Bundesgebiet erhält. Dies kann als große Verbesserung definiert werden!

 

Max Nüßler

Kopterflieger, Hobby-Filmer, Berufsfeuerwehrmann und Teilzeit-Blogger

Als Berufsfeuerwehrmann bin ich Teil der Berufsfeuerwehr Aachen. Ich bin dort als Einsatzleiter verantwortlich für die Führung des Teams an Einsatzstellen. Zudem bin ich auch bei der Freiwilligen Feuerwehr Roetgen ehrenamtlich tätig. Weiterhin arbeite ich an meinem Youtube-Kanal und meiner Webseite mit den Inhalten Feuerwehr, Drohnenflug und Film. I am a professional Fire Fighter working at the Fire and Rescue Service of Aachen, Germany. While on shift in my role as Incident Commander I am responsible for leading the deployed units in case of an emergency. Additional I´m a Volunteer Fire Fighter in the municipaltity of Roetgen, south of Aachen.

Furthermore I run my own youtube channel and website dealing with firefighting, drone-flying and filming.

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